Homecare: "Bessere Qualitätssicherung durch Behandlungspfade"

Erster Homecare-Management-Kongress in Berlin

Um die Versorgung von pflegeintensiven, multimorbiden Patienten im ambulanten Bereich zu verbessern, müssen die Akteure im Gesundheitssystem besser miteinander vernetzt werden. Dazu können Homecare-Unternehmen einen wichtigen Beitrag leisten. Das zeigten die Fallbeispiele auf dem Homecare-Management-Kongress von MedInform am 13. und 14. Oktober 2014 in Berlin auf. Der Schlüssel für eine bessere Vernetzung ist nach Ansicht der Experten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der verschiedenen Leistungserbringer und der Krankenkassen, "denn nur bei gegenseitigem Vertrauen ist es möglich, gute Kommunikation und Qualität zu liefern", so die Experten.

Die stellvertretende BVMed-Vorstandsvorsitzende Christiane Döring vom Homecare-Unternehmen GHD verspricht sich insbesondere von definierten ambulanten Behandlungspfaden klare und vergleichbare Prozesse und eine bessere Qualitätssicherung. Für besondere Patientenfälle fehlten noch funktionierende Strukturen, da es früher spezielle Versorgungen im ambulanten Bereich noch nicht gab, so die Kongress-Experten. Schwerpunktthema des Kongresses war die Sicherstellung der Versorgungsqualität im Rahmen der ambulanten Hilfsmittelversorgung. Derzeit sind in Deutschland rund sechs Millionen Menschen ständig auf Hilfsmittelversorgungen angewiesen.


Der Hausarzt Dr. Werner Besier stellte die Schnittstellenproblematik anhand eines beispielhaften multimorbiden Patienten dar. Neben den zahlreichen Medikamenten hat dieser auch einen hohen Hilfsmittelbedarf. Dabei zeigte Besier auf, dass beim Übergang von der stationären zur ambulanten Versorgung Versorgungsbrüche zustande kommen. Koordinationsstelle für die vielfältigen Versorgungen ist in erster Linie der Hausarzt, der damit oft überfordert ist. Um dem entgegen zu wirken, hat Besier in seiner Heimatstadt Mannheim ein System mit Casemanagement initiiert, das Patienten, ihre Angehörigen und auch die Hausärzte in solchen Situationen unterstützt und die benötigten Leistungen koordiniert.

Facharzt Olav Heringer vertrat eine onkologische Facharztpraxis in Wiesbaden, die Krebspatienten die benötigten Homecare-Therapien vermittelt. Auch er berichtete, dass es regelhaft Schnittstellenprobleme beim Übergang von der Klinik zum niedergelassenen Facharzt gibt. Besonders in Bereichen, die nicht der ärztlichen Kernkompetenz zugeordnet werden können, beispielsweise in der Ernährungstherapie. Hier sieht er gute Kooperationsmöglichkeiten mit Homecare-Versorgern. Er betonte auch den Bedarf einer guten Abstimmung mit dem Hausarzt. Für die Zukunft sieht er die Notwendigkeit kluger Konzepte, bei denen die einzelnen Fachdisziplinen eng und abgestimmt zusammen arbeiten. Ein besonderes Augenmerk legt er auf die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Zudem soll Kliniken zukünftig erlaubt sein, onkologische Patienten ambulant zu versorgen, wenn sie mit niedergelassenen Ärzten kooperieren.

Der DAK-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Herbert Rebscher vertrat aus Sicht einer Krankenkasse die These, dass die Versorgung einer wachsenden Anzahl chronischer Patienten nicht zwangsläufig teurer werden muss, da andere Aufwendungen dann entfallen. Für die Koordination der bei multimorbiden Patienten vielfältig benötigten Spezialleistungen sieht er die Möglichkeit, dies über die Krankenkassen zu leisten. Wichtig ist es aus seiner Sicht, dass es eine funktionierende Koordinationsstelle gibt, bei der alle Informationen der Behandlungen zusammenlaufen und die befähigt ist, damit auch umzugehen. Qualität ist ihm wichtig, aber diese muss auch klar beschrieben, fest vereinbart und damit auch evaluierbar sein.

Anja Schmidt, Geschäftsführerin von Alligatura, stellte aus Sicht der Pflege fest, dass die Pflegeleistungen auf Basis bestehender Expertenstandards zu erfolgen haben. Dabei ist eine korrekte Dokumentation wichtig. Herausforderungen in der intersektoralen Pflege seien die Optimierung für den jeweils eigenen Sektor und die im System immanenten Verteilungskämpfe. Auch stetig wachsende Bürokratie und Dokumentation können unter immer geringeren Personal- und Zeitressourcen zu einem Problem werden. Zur Sicherung der Qualität ist ein gutes Schnittstellenmanagement erforderlich.

GHD-Geschäftsführerin Christiane Döring zeigte einen optimalen Versorgungsprozess im Bereich der Homecare-Versorgung auf. Diese ist in der Versorgungsrealität sehr vielgestaltig, sodass das Optimum selten erreicht wird. Sie sieht die Homecare-Versorgung als komplexes Patientenmanagement, das eng verzahnt mit dem Entlassungsmanagement ist. Homecare verbindet das Produkt und die dazugehörige Dienstleistung. Die Vernetzung wird zukünftig digital erfolgen, was die Messbarkeit erhöht und die Dokumentation erleichtert.

Krankenhausvertreter Prof. Dr. Bernd Reith, Chefarzt am Klinikum Konstanz, zeigte den Zusammenhang zwischen demografischer Entwicklung und Multimorbidität auf. Problematisch ist, dass für ältere multimorbide Patienten keine Leitlinien vorhanden sind, bestehende Leitlinien sind für jüngere und nicht multimorbide Patienten gemacht. Die Behandlung muss sich an den Vorstellungen und Präferenzen des Patienten orientieren. Daraus muss eine Priorisierung der Behandlungsziele abgeleitet werden. Beim Entlassen aus dem Krankenhaus gehen oft Informationen verloren. Deshalb hält Reith ein strukturiertes Entlassmanagement für wichtig. Homecare ist dabei ein wesentlicher Erfolgsbestandteil.

Schnittstellenmanagement – Realität und Notwendigkeit

Anke Richter vom Institut für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband stellte die Situation bei der Versorgung von chronisch kranken Patienten in einer Hausarztpraxis dar. Sie erläuterte, dass funktionierende Netzwerke dafür unerlässlich sind. Für den Hausarzt sind die Zuverlässigkeit der Partner und das Vertrauen zu ihnen unerlässlich. Denn der Hausarzt delegiert an diese Partner wichtige Aufgaben, für die er nach wie vor rechtlich verantwortlich ist. Nur durch eine gute Kooperation und Arbeitsteilung innerhalb des Netzwerks ist es möglich, die komplexen Versorgungen patientenorientiert sicherzustellen. Besonders sinnvoll ist aus Sicht von Richter ein qualifizierter Case Manager, der die Fälle im Netzwerk und besonders die Schnittstellen betreut. Dafür ist aus ihrer Sicht eine als VERAH ausgebildete Arzthelferin besonders geeignet.

Die Intensivmedizinerin Dr. Simone Rosseau von der Charité thematisierte, dass in der Klinik Patienten erfolgreich behandelt werden, die dann aber im ambulanten Bereich nicht adäquat weiterbehandelt werden können. In der Klinik fehlt oft das Wissen um die Verhältnisse und Möglichkeiten im ambulanten Bereich. Eine technisch hochwertige Versorgung wie in der Klinik ist nach Ansicht von Rosseau nach der Entlassung nicht immer aufrecht zu erhalten. Sie zeigte dies am Beispiel von Beatmungspatienten. Sie sieht gute Chancen für ein strukturiertes Entlassungsmanagement mit Case Managern, das in solchen Fällen allen helfen kann. Dieses muss aus ihrer Sicht von medizinischem Wissen und Kenntnissen der relevanten Regularien und Limitationen getragen sein: interdisziplinär und mit professioneller Kommunikation. Denn: "Ambulante Versorgung ist nicht Intensivmedizin."

Aus Sicht der Pflege führte Ute Grap von kegra in Köln aus, dass es derzeit keine festen Vorgaben für Case Manager gibt, die besagen, wie viele Patienten betreut werden sollen. Für betroffene Patienten ist es oft schwierig, die richtigen Ansprechpartner und Hilfen zu finden. Bei Gesprächen mit Pflegenden wird deutlich, dass es in der Praxis viele Reibungsverluste gibt, die eine patientengerechte Versorgung erschweren.

Norbert Schütze von noma-med beleuchtete die Prozesse in Homecare-Unternehmen. Er zeigte das idealtypische Versorgungs-Management von ambulanten Patienten mit erklärungsbedürftigen Hilfsmitteln und dazugehörigen Dienstleistungen durch Homecare-Unternehmen auf. Wesentlicher Punkt ist dabei das Schnittstellenmanagement, das die unterschiedlichen Fachdisziplinen zusammenbringt und so dem Patienten die benötigten Therapien vermittelt. Zur Homecare-Versorgung sind Versorgungsverträge mit den jeweiligen Krankenkassen notwendig. Für die Zukunft sieht er es als erforderlich an, dass Behandlungspfade für bestimmte Patientenfälle definiert und eingeführt werden.

Aus Sicht einer Krankenkasse bezeichnete Jozica Glavurdic von der AOK Nordost die Definition der gewünschten Versorgungsqualität als wichtige Anforderung für einen Versorgungsvertrag zwischen Kostenträger und Leistungserbringern im Homecare-Bereich. Um die Versorgungsqualität zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern sicherzustellen, fehlen aus Sicht der Kassen die rechtlichen Rahmenbedingungen.

Wie kann eine messbare, qualitative Versorgung im Sinne des Patienten sichergestellt werden?

Die HNO-Fachärztin Dr. Susanne Sutarski aus Kreischa forderte dazu auf, die Versorgung aus Sicht des Patienten zu sehen und von dessem Standpunkt aus zu evaluieren, welche Qualität zu fordern ist. Eine auf den Patienten ausgerichtete Leistung, die dort ankommt, ist wünschenswert.

Chefarzt Dr. Wolf-Rüdiger Klare vom Hergau-Bodensee-Klinikum Radolfzell ist der festen Überzeugung, dass für die komplexe Versorgungssituation und das Case Management bei multimorbiden Patienten auf jeden Fall der Arzt zuständig und verantwortlich sein muss. Für die Funktionsfähigkeit eines Netzwerkes ist ein fachlich versierter Lotse erforderlich. "Diese Leitungsfunktion muss beim Arzt liegen", so Klare.

Qualifiziertes und gut ausgebildetes Personal ist für Stephan Ley vom Johanniter-Stift in Köln ein wesentliches Qualitätskriterium in einem interdisziplinären Team. Nur wenn jeder weiß, was genau zu tun ist und wo die Aufgaben beginnen und übergeben werden, kann Versorgungsqualität entstehen. Diese muss auch über die Sektorengrenzen hinweg gewahrt bleiben, was ein strukturiertes Entlassungsmanagement erfordert, so der Pflegeexperte.

Aus Sicht eines Homecare-Unternehmens bezeichnete Christian Lierse von PubliCare strukturierte Behandlungspfade und Richtlinien sowie gut geschultes und ausgebildetes Personal als Schlüsselfaktoren für Behandlungsqualität. "Nur definierte und festgeschriebene, patientenorientierte Ziele ermöglichen eine Messbarkeit der Qualität", so Lierse. Auf dieser Basis könnten alle Homecare-Leistungserbringer die festgelegten Versorgungsziele umsetzen und die individuelle Versorgungsqualität bewertet werden. Für Homecare-Unternehmen sei die Zufriedenheit der Patienten, aber auch die der vernetzten anderen Leistungserbringer und Kostenträger, sehr wichtig.

Nicole Baumgart und Kristin Pakura von der AOK Plus sehen sich dem gesetzlichen Auftrag nach der gebotenen Qualität in der Versorgung verpflichtet. Deshalb hat die Krankenkasse Case Manager eingestellt, die die Versorgung multimorbider Patienten vor Ort evaluieren und überprüfen, ob die vertraglich zugesicherten Leistungen auch richtig erbracht werden. Dies dient der Qualitätssicherung der Krankenkasse.

Abschlussdiskussion des Homecare-Management-Kongresses

In der Abschlussdiskussion stellte die HNO-Fachärztin Dr. Susanne Sutarski fest, dass alle Akteure mit ähnlichen Herausforderungen zu tun haben. Eine Abstimmung der unterschiedlichen Qualitätsanforderungen und eine Koordinierung beispielsweise durch Case Manager sei deshalb sinnvoll. Die einzelnen Versorgungsbereiche arbeiten zwar unter hohen Qualitätskriterien, die aber nicht optimal abgestimmt seien. Probleme sieht Norbert Schütze vor allem im Schnittstellenmanagement. Teilweise führe Zeitdruck zu Kommunikationsfehlern, die einer guten Versorgung entgegenstehen.

Moderiert wurde der Kongress von der Fernsehjournalistin Karin Vanis.

Was ist Homecare?

Homecare-Unternehmen versorgen Patienten

  • mit beratungsintensiven und erklärungsbedürftigen Hilfsmitteln/Medizinprodukten, Verbandmitteln und Arzneimitteln,
  • durch geschultes, speziell ausgebildetes Fachpersonal mit nachgewiesenen Ausbildungsqualifikationen und medizinischen Kenntnissen,
  • im Rahmen einer ärztlichen ambulanten Therapie,
  • in ihrer häuslichen Umgebung oder im Pflegeheim.



Hinweis an die Medien: Druckfähige Bilder zum Kongress können unter www.bvmed.de/bildergalerien heruntergeladen werden.

Medienkontakt:
Manfred Beeres
Leiter Kommunikation/Pressesprecher
Tel: +49 30 246 255-20
E-Mail: beeres(at)bvmed.de

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